Die Zukunft des Potsdamer Platzes

Die Zukunft des Potsdamer Platzes – geschrieben 1997

Von der Wegkreuzung zum Verkehrsknotenpunkt
Seit 1702 gab es auf dem Gebiet des Potsdamer Platzes jenseits der Mauerstraße nur einen sandigen Feldweg, an den rechts der Tiergarten heranreichte, links sich die Äcker des cöllnischen Sommerfeldes erstreckten.

Potsdamer Platz Berlin

Dieses Gebiet war ursprünglich kleiner als das des heutigen Platzes. Es wurde durch das Zusammentreffen von vier Wegen gebildet: Ein älterer führte nach Schöneberg, zwei neuere Wege in andere Richtungen, davon einer zu einer 1730 angelegten Meierei. Er hieß zunächst Tiergartenweg, nach 1787 Bellevuestraße, da damals auf einem angrenzenden Grundstück das Schloß Bellevue erbaut wurde. Diese Wege entwickelten sich zu einer erweiterten Straßenkreuzung, die vor dem Leipziger Platz lag. Er war im barocken Stil angelegt worden.

Schon 1735 war am Platz das alte Potsdamer Tor in eine damals errichtete Zollmauer gebrochen worden. Berühmt wurde bereits im 18. Jahrhundert der Richardsche Kaffeegarten am heutigen Potsdamer Platz, der auch von ausländischen Gästen gelobt wurde. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts zogen immer mehr Händler, Bankiers und Diplomaten nach Berlin, der neuen Hauptstadt Preußens.

Der Wirtschaftsaufschwung begann, mit ihm kamen nun auch Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler hierher. Vom damaligen Gebiet des Platzes aus nahm die erste preußische Staats-Chaussee ihren Anfang, die 1792 angelegt und später zur Potsdamer Straße wurde. Sie führte über die Gebiete der heutigen Bezirke Schöneberg, Steglitz, Zehlendorf, den Ort Stolpe und Potsdam bis nach Leipzig. Das neue Potsdamer Tor wurde 1824 hier errichtet; der Platz hieß deshalb seit dem frühen 19. Jahrhundert allgemein “Platz vor dem Potsdamer Thor“. Es wurden von dem berühmten Architekten Karl Friedrich Schinkel 1823 anstelle des baufällig gewordenen alten Tores zwei kleine dorische Tempel entworfen, die mit einem Gitter verbunden waren.

Der angrenzende Platz war ein Rasenplatz mit Linden, geschmückt mit versetzten Laternenträgern von der 1817 abgerissenen alten Opernbrücke. Er hieß wegen seiner Form “das Achteck“. Der eigentliche “Platz vor dem Potsdamer Thor” wurde umsäumt von den Ausläufern des Tiergartens. Durch Schinkels Neugestaltung war er belebter geworden als zuvor. 1831 wurde er dann erstmals als Potsdamer Platz bezeichnet. Den ersten Bahnhof Berlins und Preußens erbaute die „Berlin-Potsdamer Eisenbahngesellschaft” zwischen 1835 und 1838 als Endbahnhof in der Hirschelstraße am Platz, womit dessen bewegte Verkehrsgeschichte begann. Die erste Linie führte seit Oktober 1838 von hier aus über den Platz nach Westen. Er wurde zum Haupteinlaß in das damalige Berlin.

Schon 1847 führte eine Pferde-Omnibus-Linie von Schöneberg über den Platz zum Molkenmarkt. Die Besiedlung der benachbart gelegenen Vorstadt (Potsdamer oder Friedrichs-Vorstadt) nahm bis um 1850 stark zu. Der Abriß der angrenzenden Zollmauer erfolgte 1851, der der Stadtmauer am Platz 1867/1868. Durch den Wirtschaftsaufschwung mit der einsetzenden Industrialisierung wurde deutlich, wie wichtig der Platz künftig werden würde. Bald ließen sich daher Adlige und Geschäftsleute von damals berühmten Architekten an der Potsdamer Straße luxuriöse Geschäftshäuser und Villen errichten. So hieß die Gegend im Berliner Volksmund schnell das „Millionärsviertel”. Inzwischen waren der Potsdamer und der Leipziger Platz zusammengewachsen.

In den folgenden Jahrzehnten wandelte sich der Platz, am westlichen Ende der Leipziger Straße beziehungsweise an der Westseite des Leipziger Platzes gelegen, vom beschaulichen Vorstadtareal zu einem der zentral gelegensten Stadtplätze in den damaligen Großstädten Europas. Vier Straßen kreuzten sich schließlich hier und mündeten in den Platz ein: Bellevue-, Potsdamer, Leipziger und Linkstraße. Die Königgrätzer Straße (heute Ebert- und Stresemannstraße) durchschnitt den Platz. Vom Spittelmarkt aus führte 1880 die erste Pferdebahnstrecke über die von acht auf elf bis zwölf Meter verbreiterte Potsdamer Straße am Platz entlang bis nach Schöneberg. 1890 zog die Regierung in das nahegelegene Reichstagsgebäude an der Wilhelmstraße und in Gebäude am Platz ein. Im selben Jahr fuhren von hier aus schon 1,5 Millionen Fahrgäste ab, womit der Potsdamer Bahnhof alle anderen Knotenpunkte des Berliner Zugverkehrs überrundete.

1895 überquerten täglich rund 20 000 Wagen den Platz, vor allem Pferde-Straßenbahnen und viele Droschken. 1902 fuhr bereits eine U-Bahnlinie vom Stralauer Tor aus zum Potsdamer Platz. Der steigende Verkehr brachte mehr Touristen nach Berlin und an den Platz. Zugleich wuchs nach der amtlichen Statistik die Bevölkerungszahl in diesem Bereich Berlins an: Von 86 512 Einwohnern im Jahre 1895 auf 115 369 im Jahre 1900. Um die Jahrhundertwende gab es hier 92 Restaurants, 10 Destillen, 13 Wiener Cafes und 36 Kneipen. Viele Berliner und auswärtige Besucher lud das Viertel um den Platz zum Flanieren ein. Er zog durch dieses Umfeld auch zunehmend die damaligen Eliten als Wohngebiet an und wurde so bald nach 1900 zu einem neuen Zentrum im damaligen Westen Berlins, mehr noch für das deutsche Kaiserreich zu einem politisch-wirtschaftlichen Zentrum, das er später in der Weimarer Republik auch bleiben sollte.

Zu dieser Zeit angesehene Architekten bauten hier besonders Geschäftshäuser und Villen für diese Kreise, zu denen Adlige, Bankiers, Geheimräte, Kaufleute und Künstler gehörten. Darunter waren damals so berühmte Namen wie die der Maler Anton von Werner und Wilhelm von Kaulbach, aber auch Mitglieder des preußischen Herrscherhauses. Erstklassige Hotels und der gehobene Spirituosenhandel etablierten sich um 1900, wodurch der Platz zu einem Brennpunkt urbanen Lebens aufblühte. 1904 fuhren bereits 34 elektrische Straßenbahnen und 700 Droschken täglich über den Platz.

Das erste Lichtspielhaus zeigte hier Stummfilme. Nach Kriegsausbruch 1914 fanden auf dem Platz pazifistische Massenversammlungen statt. Dabei wurde im Frühjahr 1916 der Sozialist Karl Liebknecht als Agitationsredner verhaftet. In der Folgezeit entwickelte er sich zum verkehrsreichsten Platz im damaligen Europa, was dann später von den Nazis für ihre Propaganda verwertet wurde. Besonders charakteristisch dafür war schon sein Bild in den zwanziger Jahren:

Neue Ampelanlage am Potsdamer Platz

Neue Ampelanlage am Potsdamer Platz

Damals fuhren täglich etwa 20 000 Fahrzeuge, 40 elektrische Straßenbahn- und Omnibuslinien am und über den Platz; rund 100 000 Passanten bewegten sich auf ihm. Um dieses lebhafte “Verkehrsgewimmel” regeln zu können, wurde 1924 erstmals in Berlin eine nach amerikanischem Vorbild von Jean Krämer entworfene und den Bedingungen des Platzes angepasste, damals noch handgeschaltete Ampelanlage in Form eines 8,5 Meter hohen fünfeckigen Verkehrsturmes mit Uhr und Plattform für den schaltenden Verkehrspolizisten errichtet, die weit über Berlin hinaus bekannt und zum Wahrzeichen des Platzes als verkehrstechnisches Zentrum wurde. Die Farbsignale dieser „Ur-Ampel” führten zur Verbreitung der heute überall üblichen Ampelfarben Grün, Gelb und Rot. Sie stand nur bis 1936 dort, da sie wegen des S-Bahnhofes für die damals gebaute Nord-Süd-Bahn wieder abgebrochen wurde.

Im September 1997 ist sie als Nachbau der Firmen Daimler Benz und Siemens am Leipziger Platz aufgestellt und übergeben worden, bis sie ihren endgültigen Standort auf der Freifläche über dem neuen unterirdischen Regionalbahnhof Potsdamer Platz, nahe dem Renzo-Piano-Gebäude, finden wird.