Die Goldenen Zwanziger am Potsdamer Platz

SO WAR BERLIN VOR 100 JAHREN:

Potsdamer Platz Goldenen Zwanziger JahreSchon bald nach Kriegsende 1918 waren die ersten Leuchtreklamen am „Haus Vaterland“ erschienen. Zwei Fernbahnhöfe, der Anhalter und der Potsdamer Bahnhof, befanden sich nun dicht am Platz. Der Potsdamer Fernbahnhof, ein sehr großer unterirdischer S-Bahnhof, die Untergrund-Bahn und insgesamt rund zwölf Hauptverkehrsstraßen, die strahlenförmig um den Platz lagen, schufen einen neuen Mythos vom modernen weltstädtischen Verkehrsknotenpunkt Berlins. Mitte der dreißiger Jahre kreuzten 26 Straßenbahn- und 5 Buslinien den Platz. Die Nord-Süd-Bahn des Berliner S-Bahnnetzes wurde in den Jahren 1934 bis 1939 gebaut, wozu auch der S-Bahnhof Potsdamer Platz gehörte. Deren Innenstadtstrecke bildete damals das Herz des gesamten Netzes; nach dem Mauerbau 1961 sollte es hier nur noch Geisterbahnhöfe geben. Die prächtigste Station dieser Strecke lag unter dem Potsdamer Platz. Sie blieb im Originalzustand erhalten und wurde nach dem Mauerfall 1989 restauriert. Die Station Potsdamer Platz der U-Bahnlinie 2 ist der älteste im Original (von 1907) erhaltene U-Bahnhof Deutschlands. Er wurde von dem schwedischen Architekten Grenander als „Serienbahnhof“ entworfen, das heißt als eine Station mit denselben Gestaltungsformen wie andere im damaligen Berlin gebaute unterirdische Bahnhöfe. Technisch wegweisend war auch das gegenüber dem Platz, in der Potsdamer Straße, nach Plänen von Otto Rudolf Salvisburg 1921 zum Funkhaus umgestaltetete „Vox-Haus“, in dem bereits 1923 der erste deutsche Mittelwellensender für den gerade „geborenen“ Rundfunk präsentiert wurde.

Man vergleicht den Potsdamer Platz mit New York

Verkehr am Potsdamer Platz um 1920Der berühmte Architekt Bruno Taut verglich schon 1929 den Potsdamer Platz mit New York und schrieb: „Dieses hemmungslose Emporschießen hat mit einer Stadtbildung im eigentlichen Sinne nichts mehr zu schaffen; es türmt sich über Gewinnbetrieb und rein technischem Denken auf und imponiert allein durch die Welt der Hemmungslosigkeit und durch die Masse und ihre Vielfältigkeit“. Ähnlich den Ansichten in der Kaiserzeit und noch in der jungen Republik, denen der Platz als Unruheherd galt, schloß er: „Hier kann Berlin nicht mit und will es auch nicht.“ 1930 teilte die „Vossische Zeitung“ ihren Lesern mit, dass der Platz gerade 100 Jahre alt geworden war.

Berühmt wurde der Platz schon während der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik aber auch durch seine Hotels, Gast- und Vergnügungsstätten. 1888 eröffnete das Hotel „Bellevue“ und 1893 das „Palast“-Hotel als Prachtbauten an den nördlichen Ecken des Platzes. Das Hotel „Rheingold“ war für die damals enorme Summe von 4,6 Millionen Goldmark hier gebaut worden. Die Luxus-Hotels „Der Fürstenhof“ (eröffnet 1907 von der Firma Aschinger) und „Esplanade“ empfingen in ihren Räumen erlauchte Gäste; so war das „Esplanade“ ein Haus im Stil der „Belle Epoque“ mit mehreren Prunksälen. Einer davon war der „Kaisersaal“, ausgestattet mit Kronleuchtern, Paneelen aus Zedernholz, Spiegeln und Stuck. Hier ließ Kaiser Wilhelm II. für seine Generäle feudale Herrenabende veranstalten. Nach dem Ersten Weltkrieg blieb das Haus in den „Goldenen Zwanzigern“ ein mondäner Ort der Prominenz: Billy Wilder, der später ein berühmter Hollywood-Filmregisseur werden sollte, arbeitete in seinen jungen Jahren hier als Eintänzer. Die Filmschauspielerin Greta Garbo war Gast in der Hotelbar. Das ebenfalls noble „Palast“-Hotel wurde 1932 abgerissen, um dem neuen Bau des „Columbushauses“ Platz zu machen.

Teils eher für die Masse, teils für die Eliten der damaligen Zeit öffneten Vergnügungsstätten und Gastronomiebetriebe am Platz ihre Pforten: Vor dem Anhalter Bahnhof wurde das berühmte „Haus Vaterland“ (vormals „Cafe´ Piccadilly“ genannt) seit 1928 ein beliebter Treffpunkt: Auf mehreren Stockwerken gab es hier zahlreiche Räume, in denen täglich bis zu 5000 Gäste Amüsement und Zerstreuung suchten und fanden. Nicht weit davon, am Potsdamer Platz 3, lag der „Siechen-Bierpalast“, der später nach der einst bekannten Brauerei „Pschorr-Bräuhaus“ hieß. Im 1880 an den Potsdamer Platz 2 umgezogenen Cafe´ „Josty“ trafen sich dagegen bessere Kreise: Kaufleute, Künstler, Politiker und Schriftsteller verkehrten bis zur Schließung 1930 dort und genossen den vielgerühmten Ausblick von diesem „Balkon von Berlin“ getauften Haus über den Potsdamer und den Leipziger Platz. An diesem beliebten Treffpunkt konnte man zum Beispiel Adolph von Menzel und Theodor Fontane sehen. Die einmündende Leipziger Straße war übrigens bis zum Zweiten Weltkrieg eine der beliebtesten Einkaufsstraßen Berlins; am Leipziger Platz befand sich das alte Kaufhaus Wertheim. Es hatte als erstes großes Warenhaus Berlins bald den Ruf einer architektonischen Legende. Seine verglaste Fassade galt als Markstein am Beginn der modernen Baukunst in Berlin.

Das Weinhaus Huth am Potsdamer Platz

Berühmt gewordene Torten konnte man in der alten „Konditorei Telschow“ (an der Ecke der Linkstraße gelegen) genießen, die 1928 umgebaut wurde. Im schon 1911/1912 erbauten und vom Inhaber Willy Huth eingeweihten „Weinhaus Huth„, der einzigen bis heute erhaltenen Gaststätte am Platz, herrschte damals eine luxuriöse Atmosphäre: 15 Köche sorgten für das leibliche Wohl der Gäste. Hier arbeitete in den zwanziger Jahren Alois Hitler, ein Stiefbruder des damals noch wenig bekannten „Führers“ der Nazis, als Kellner; später eröffnete er ein eigenes Gasthaus am Wittenbergplatz. Vor dem vornehmen „Huth“ wachte ein livrierter Portier darüber, daß nur zahlungskräftige Gäste hereinkamen. Stammgäste waren hier zeitweise der Kölner Oberbürgermeister und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer, der Reichstags-Architekt Paul Wallot, der Chirurg Professor Ferdinand Sauerbruch und Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Die Kaufhäuser, Amüsier- und Gastronomiebetriebe trugen dazu bei, daß der Platz bei Tag und Nacht belebt war. Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise errichtete man 1932 noch das erwähnte „Columbushaus“ als letzten Neubau vor der Nazi- und Kriegszeit am Potsdamer Platz 1 (Ecke Bellevuestraße). Der Architekt Erich Mendelsohn hatte es als Stahlskelettgebäude mit zehn Stockwerken im Stil der Neuen Sachlichkeit entworfen. Es fand erst nach 1945 sein Ende.

Unweit des Platzes, in der Potsdamer Straße 134 c, hatte der Apotheker und spätere märkische Dichter Theodor Fontane von 1872 bis zu seinem Tod 1898 ein Wohnhaus, woran noch eine schlichte Tafel erinnert; die Modezeitschrift „Bazar“ zog hier 1905 mit Redaktion und Verlag in einen Neubau ein. Das Fontane-Haus befand sich übrigens 75 Meter südwestlich des heutigen Sitzes der Firma Debis. Häuser oder Wohnungen hatten hier einst auch der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, die Märchen- und Sprachforscher Brüder Grimm (Linkstraße 7, 1847 – 1863), der Maler Adolph von Menzel, der Historiker Theodor Mommsen sowie die damals bekannten Schriftsteller Heinrich Seidel und Gustav Freytag. Ebenfalls am Platz lag die „Sturm-Galerie“ von Herwarth Walden, die avantgardistischen Künstlern und ihren Werken den Weg zum Erfolg ebnete.

 

 

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